Der Zug der Singvögel ist vielen Menschen wenig bekannt, obwohl er ein beeindruckendes Naturschauspiel ist. Im Oktober nimmt er so richtig fahrt auf und bietet spannende Einblicke in die Reise unserer gefiederten Nachbarn.
Der Vogelzug ist sehr facettenreich. Greifvögel nutzen an warmen Tagen die Thermik, um energiesparend Richtung Afrika zu fliegen. An Schweizer Gewässern lassen sich im Frühling und Herbst oft sehr viele Wasservögel bei der Erholung auf ihrem Weg in ihre Brut- oder Wintergebiete beobachten. Auch Singvögel ziehen, ihr Zug ist aufgrund ihrer Grösse nicht so leicht zu verfolgen. Es braucht Geduld, um die kleinen Schwärme am Himmel zu entdecken – und noch mehr, um die Vögel richtig zu bestimmen.
Teilzieher
Die bekanntesten ziehenden Singvögel sind wohl die Schwalben, welche jeden Herbst ins tropische Afrika ziehen. Da sie sich ausschliesslich von lebenden Insekten ernähren, ziehen alle heimischen Schwalbenarten in den Süden. Doch auch Meisen, Finken, Drosseln und Stare aus unseren Gärten ziehen teilweise in den Süden. Viele dieser Arten sind sogenannte Teilzieher. Das bedeutet, dass ein Teil der Population im Herbst nach Süden zieht, während der Rest im Brutgebiet ausharrt. Die ziehenden Vögel legen dabei meist eher kurze Strecken in mediterranes Gebiet zurück.
Bei vielen Teilziehern nimmt der Anteil der Zugvögel tendenziell zu, je weiter nordöstlich die Population brütet. Zudem bleiben bei einigen Arten die Männchen häufiger im Brutgebiet als die Weibchen. Überstehen sie den Winter, können sie sich im Frühling frühzeitig gute Brutreviere sichern.
Unterschiedliche Zughöhen
Singvögel nutzen unterschiedliche Flughöhen und Routen für ihre Reise. Meisen ziehen gerne entlang von Hecken und deshalb eher bodennah. Finken ziehen, ähnlich wie Stelzen und Pieper, gerne in kleinen Trupps einige Dutzend Meter über dem Boden. Von einem kleinen Hügel aus lassen sie sich deshalb besonders gut beobachten. Drosseln, Rotkehlchen und andere Singvogelarten ziehen dagegen bevorzugt nachts und fliegen dabei oft in grosser Höhe.
Erfassung des Singvogelzugs
Die Untersuchung des Singvogelzugs ist anspruchsvoll. Schon seit mehr als 125 Jahren werden Vögel an Beringungsstationen gefangen, mit einem individuellen Ring markiert und später nach Möglichkeit wiedererfasst. Dadurch konnten Forschende viel über die Lebensweise und das Zugverhalten verschiedener Arten herausfinden.
In den letzten Jahren sind weitere Methoden hinzugekommen. Seit einiger Zeit kann man den Vogelzug rund um die Uhr mit der Radartechnologie erfassen. Spezielle Mikrofone ermöglichen es zudem, die Rufe nachtziehender Vögel aufzunehmen und später auszuwerten. So konnten in den letzten Jahren viel Neues über die nächtlichen Zugbewegungen über der Schweiz gelernt werden.
